Das schönste Weihnachtsgeschenk

Wie Birke und Tänzer glücklich wurden

Ein Weihnachtsmärchen von Viktoria Wähnert.

Mit freundlicher Unterstützung von Susanne Drutsch und Sabrina Seidel.

Es war einmal eine kleine Birke. Sie lebte in einem Ort, der Birkenwerder hieß. Genau genommen wohnte sie in der Dorfaue, in der es auch ein paar gemütliche Bänke gab. Dort lebte unsere Birke und im Sommer spendete sie den Leuten, welche die Natur genossen, etwas Schatten.
Als es Oktober wurde, verlor die Birke langsam ihr Blätterkleid. Es machte ihr nichts, schließlich würde sie im Frühling ein neues Kleid bekommen. So wiegte sie sich also sanft im Oktoberwind und genoss die letzen warmen Tage des Jahres.

Da hörte sie auf einmal singende Kinder. Das gefiel der Birke sehr gut, und sie wiegte sich fröhlich im Takt der kindlichen Klänge. Diese kamen immer näher, und schließlich nahmen die Kinder auf der Bank unter der Birke Platz. Sie blieben jedoch nicht lange sitzen, sondern begannen bald auf und ab zu tanzen und dabei zu singen. „Ist das herrlich!“ dachte die Birke bei sich. „Wenn ich das doch auch könnte! Ich habe doch solchen Spaß daran, mich zu den Klängen des Windes zu bewegen, aber wenn ich es doch richtig lernen könnte… das wäre fantastisch!“ Und so schaute die Birke weiter den Kindern zu.

Abends als die Kinder schon lange gegangen waren und die Birke vom Tanzen träumte hörte sie auf einmal wie jemand eine Melodie summte. Die Stimme kam ihr bekannt vor, und so beugte sie sich vor um zu sehen, wer denn da diese schönen Töne von sich gab. Es war eine Frau, die unsere kleine Birke schon oft gesehen hatte, jedoch noch nie mit so guter Laune. Von der anderen Seite kam ein Mann heran. Die Frau begrüßte den Mann überschwänglich, und als er sich wunderte, erklärte sie ihm: „Ich hatte gerade ein Probetanzstunde und es war wunderbar! Nächste Woche gehen wir gemeinsam zum Tanzunterricht!“ Mehr hörte unsere Birke nicht, denn sie begann wieder zu träumen: „Tanzen! Das muss doch wunderbar sein! Wen könnte ich fragen?“ Sie kam erst wieder zu sich, als der Mann und die Frau schon lange gegangen waren.

Im November hatte die Birke ihren Entschluss gefasst: Sie wollte tanzen lernen. Sie wusste nur nicht wo. Also ging sie zur alten Linde, die an der Kirche wohnte, und fragte sie: „Liebe Linde, du bist so alt und kennst dich so gut in unserer Gegend aus. Kannst du mir nicht sagen, wo ich tanzen lernen kann?“ Die Linde war sehr erstaunt, zwar lebte sie schon lange, aber dass ein Baum tanzen lernen wollte, war ihr vollkommen neu. So sagte sie der Birke: „Höre meinen Rat, ein Baum kann nicht tanzen lernen. Ich kann dir nicht helfen.“ Traurig ging die Birke von dannen.

Als der erste Schnee fiel, es war Ende November, war unsere kleine Birke gerade auf dem Weg zur weisen Buche am Bahnhof. Sie fragte sie: „Weise Buche, du bist so klug, kannst du mir nicht sagen, wo ich tanzen lernen kann?“ Die weise Buche antwortete: „Liebe Birke, ich weiß, du und deine Art, ihr seid sehr leichtfüßig, aber meinst du denn, dass Tanzen das Richtige für dich ist?“ Die Birke antwortete: „Ich möchte es so gerne lernen, nichts würde mich glücklicher machen!“ „Nun gut“ sprach die Buche „gehe zu den Kastanien, diesen Tratschtanten, und frage sie um Rat.“ Man muss wissen, dass die Kastanien über alles, was im Ort vorging, Bescheid wussten, da sie in einer großen Anzahl in Birkenwerder vertreten waren und sehr schnell Informationen weitergeben konnten.

Also ging unsere kleine Birke zu den Kastanien und fragte sie „Liebe Kastanien, ich möchte so gerne tanzen lernen! Könntet ihr mir sagen, wo das möglich ist?“ Die Kastanien antworteten: „Wir finden es sehr ungewöhnlich, dass du tanzen lernen willst. Jedoch haben wir schon viele Menschen gesehen, denen diese Beschäftigung große Freude bereitet. Wenn du es lernen willst, solltest du das Choreographie-Studio besuchen.“

Unsere kleine Birke war sehr glücklich, ließ sich von den Kastanien den Weg beschreiben und dankte ihnen. Dann machte sie sich auf die Suche.

Als es Dezember wurde, hatte unsere kleine Birke das Choreographie-Studio schon längst ausgemacht. Sie hatte nun jedoch Zweifel, ob Tanzen wirklich das Richtige für sie war.

So stand sie also im Dezember in der Dorfaue und grübelte vor sich hin. Es war Heilig Abend, und niemand war auf den Straßen. Nur die Tanne, die jedes Jahr zu Weihnachten vor dem Rathaus aufgestellt wurde, war auch auf dem Platz. Diese fragte unsere kleine Birke, warum sie denn so traurig aussähe. „Ach“ sagte da die Birke „ich wollte doch so gerne tanzen lernen, aber ich weiß nicht, ob es das richtige für mich ist. Mir ist aufgefallen, dass ich viel mehr Freude daran habe, den glücklichen Menschen dabei zuzusehen. Ich bewundere sie dafür, ihre Kreativität so auszuleben. Aber jeder Tänzer braucht doch auch ein Publikum. Ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll.“

Da sagte die Tanne: „Liebe Birke, heute ist Heilig Abend. Viele Menschen schenken sich Dinge, die sie nicht brauchen und trotzdem gibt es nur wenige, die glücklich und zufrieden sind. Ich spreche aus Erfahrung. Jedes Jahr sehe ich dies aufs Neue. Dabei ist Zufriedenheit das größte Geschenk! Lass mich dir ein Geschenk machen: warum wirst du nicht das Publikum, wenn dir das Zuschauen so viel Freude bereitet? Dann wirst du glücklich und zufrieden sein.“

Unsere kleine Birke war begeistert von dieser Idee. Sie dankte der Tanne, wünschte ihr ‚Frohe Weihnachten‘, und machte sich auf den Weg zum Choreographie-Studio. Sie stellte sich vor die großen Fenster des Tanzraumes und schaut seit dem allen großen und kleinen Tänzern zu. Sie war glücklich und zufrieden, der Rat der Tanne war das schönste Weihnachtsgeschenk, das sie je bekommen hatte.

Und jetzt schaut hinaus: seht ihr die kleine Birke? Lange gab es keinen Namen für unser Tanzstudio, doch dann haben wir beschlossen, die Birke als Namenspatron zu wählen. Mittlerweile haben sich viele ihrer Freunde zu ihr gesellt, und sie schauen uns allen zu. Wir erfreuen sie durch unseren Tanz, und sie erfreuen uns durch ihre Anwesenheit –was wären wir Tänzer ohne Publikum? Glücklich sein und andere glücklich machen – das ist genauso schön wie Zufriedenheit!

-Dezember 2009-

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